31. März 2020
Smart-City

Smart-City-Visionäre: Dr. Gustav Lebhart im Interview

Im vergangenen Jahr wurde Cottbus vom Bundesinnenministerium als Smart-City-Modellregion ausgezeichnet. Eine treibende Kraft dahinter: Dr. Gustav Lebhart, CIO in Cottbus und für Innovation und Weiterentwicklung der städtischen IT verantwortlich.

Im vergangenen Jahr wurde Cottbus vom Bundesinnenministerium als Smart-City-Modellregion ausgezeichnet. Eine treibende Kraft dahinter: Dr. Gustav Lebhart, CIO in Cottbus und für Innovation und Weiterentwicklung der städtischen IT verantwortlich.

Summary

Für die mit 15 Millionen Euro höchste Fördersumme hat Dr. Lebhart schon konkrete Einsatzziele: Sie sollen die Stadt smarter und digitaler machen. Im Interview berichtet er, wie das gelingt.

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Herr Dr. Lebhart, Sie sind der Chief Information Officer von Cottbus/Chóśebuz – wie kann man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Zu meinen zentralen Aufgaben zählt insbesondere die Erarbeitung beziehungsweise Weiterentwicklung einer IT-Strategie sowie die Neuausrichtung der digitalen Architektur der Stadt. Konkret versuche ich mit strategischen und übergreifenden Impulsen eine Art Optimierung für Fragen herbeizuführen, die sich insbesondere beim E-Government stellen. Ich übernehme sozusagen die Rolle des strategischen Gestalters, positioniere mich als digitaler Vorreiter und berate die Führungsebenen der Verwaltung und der Politik.

Welche Bedingungen haben Sie vorgefunden, als Sie 2017 nach Cottbus/Chóśebuz kamen und wie hat sich der IT-Bereich seitdem weiterentwickelt?

Als ich hier begonnen habe, galt die IT im Grunde noch als Kostenstelle. Heute würde ich sagen, nach zweieinhalb Jahren, ist die IT der Garant für Innovation. Wir können mit neuen Technologien Geschäftsprozesse in der Verwaltung deutlich verändern.

Wie sieht eine erfolgreiche Smart City in Ihren Augen aus?

Es gibt meiner Meinung nach keine allgemeingültige Definition einer Smart City, deswegen stoße ich mich an diesem Begriff schon seit längerer Zeit. Ich glaube, wir verstehen alle unter einer Smart City, moderne Technologien in der Infrastruktur so miteinander zu vernetzen, dass einerseits die Wettbewerbsfähigkeit, und gleichzeitig der Innovationsstandard der Stadt gesteigert wird. Parallel steigt dadurch die Lebensqualität für die Bewohner:innen.

Um eine digitale Strategie umzusetzen, ist vor allem der politische Wille ausschlaggebend. Er ist die entscheidende Voraussetzung, ob eine Smart City gelingt oder nicht.

Dr. Gustav Lebhart, CIO von Cottbus

Um eine digitale Strategie umzusetzen, ist vor allem der politische Wille ausschlaggebend. Er ist die entscheidende Voraussetzung, ob eine Smart City gelingt oder nicht. Denn strategische Entscheidungen, ob die digitale Stadt als Leitbild umgesetzt werden soll, obliegen letztlich der Politik. Zu guter Letzt brauchen wir gute, engagierte Mitarbeiter:innen in der Verwaltung, die die Digitalisierungsmaßnahmen erfolgreich umsetzen.

Hat diese Sicht letztlich den Ausschlag gegeben, dass Cottbus/Chóśebuz vom BMI als Modellregion ausgezeichnet wurde?

Ich glaube, wir haben es geschafft, da wir in unserem Förderantrag plausibel darlegen konnten, welche technologischen Zutaten eine Stadt für die digitale Transformation benötigt. Und wie wir die Daseinsvorsorge im Zeitalter der Digitalisierung modernisieren und eine sektorenübergreifende Versorgung gemäß dem Raumordnungsgesetz effizient und effektiv gestalten können. Die Grundsätze der Raumordnung beziehen sich im Wesentlichen auf die Daseinsvorsorge. Die Daseinsvorsorge umfasst die Grundversorgung der Bevölkerung mit zentralen Dienstleistungen und Infrastrukturen in verschiedenen Bereichen. Mit unserer digitalen Agenda unterstreichen wir vor dem Hintergrund des Strukturwandels die Aufgabenorientierung der öffentlichen Dienstleistungserbringung, die zukünftig einen differenzierteren Ansatz zur Digitalisierung erfordert. Unser Positionspapier beinhaltet eine klare Vision mit projektorientierten Ansätzen und konkreten Maßnahmen.

Ganz wichtig war uns, Digitalisierung als vernetzte Komponente zu sehen. Wir haben daher sieben Handlungsfelder definiert und sieben Koordinatoren benannt, die die gesamte Stadt mit ihren Grundversorgungsfunktionalitäten abdecken: Bildung, Wirtschaft, Energie, Gesundheit, Verwaltung, Mobilität und Stadtentwicklung. Ich glaube das hat ebenfalls den Unterschied gemacht.

Was können Städte besser machen, die mit ihrer Digitalisierungsstrategie nicht so recht vorwärts kommen? Auf welche Aspekte gilt es besonders zu achten?

Die grundlegenden Fragen, auf die man eine Antwort haben muss, sind: Was ist eine Smart City für uns? Wie wollen wir uns als Stadt künftig positionieren? Und wie sieht die Politik die Thematik? Insbesondere kleinere Kommunen hadern mit Regulatorien im rechtlichen Rahmen, wenn es darum geht, entsprechende Maßnahmen schnell umzusetzen. Die Politik muss daher die digitale Roadmap vorzeigen. Gleichzeitig ist es wichtig, die Bürger:innen mitzunehmen und Partizipation ernst zu nehmen, also auch zu fragen: Wie soll eure Stadt in Zukunft aussehen?
 

Wir können die Menschen in Cottbus oder auch in ganz Deutschland davon begeistern und überzeugen, indem wir mit digitalen strategischen Konzepten den Mehrwert für das Individuum zeigen. [...] Das wichtigste dabei ist, den Bürger:innen glaubwürdig zu vermitteln, dass ihre Daten in den Behörden sicher sind.

Dr. Gustav Lebhart, CIO von Cottbus

Wie holen Sie die Menschen beim Thema Smart City ab, wie sorgen Sie für Begeisterung bei den Bürger:innen und Mitarbeiter:innen in Cottbus/Chóśebuz?

Wir können die Menschen in Cottbus oder auch in ganz Deutschland davon begeistern und überzeugen, indem wir mit digitalen strategischen Konzepten den Mehrwert für das Individuum zeigen: Was bedeutet es für dich, wenn du nur noch einen statt drei Wege beim Beantragen des Elterngeldes gehen musst; was verbessert sich für dich, wenn du auch am Sonntag dein Auto anmelden kannst; wie wäre es, wenn die einzelnen Informationen in Zukunft über die Behörden miteinander vernetzt sind? Das wichtigste dabei ist, den Bürger:innen glaubwürdig zu vermitteln, dass ihre Daten in den Behörden sicher sind.

In Cottbus haben wir bei der Umsetzung ein mehrstufiges Verfahren. Wir werden sowohl regelmäßige Bürgerdialoge zum Thema Smart City anbieten als auch ein Online-Portal bereitstellen. Damit wollen wir die Menschen nicht nur informieren, sondern sie aktiv an bestimmten Projekten beispielsweise anhand von anonymen Umfragen teilnehmen lassen. Das Stimmungsbarometer hilft uns am Ende sehr bei der Frage, in welche Richtung wir die Stadt entwickeln sollen.

Schon jetzt spüre ich eine gewisse Ungeduld: Wann geht es los? Wann sind die ersten Projekte vor Ort umsetzbar? Wann erreicht es mich? Diese Ungeduld ist etwas sehr Schönes, weil wir offensichtlich eine Erwartung ausgelöst haben, die überall angekommen ist. Und das ist genau was wir wollen und brauchen, um alle Bürger:innen von Anfang an authentisch mitzunehmen.

Wie sieht Ihr langfristiger Plan aus?

Mein Ziel ist es, bis 2025 eine Verwaltungsmodernisierung durch Digitalisierung des öffentlichen Sektors zu erreichen und damit die modernste Verwaltung Brandenburgs zu werden. Auf dem Weg dahin müssen wir nicht nur die internen Verwaltungsabläufe standardisieren, sondern wir wollen auch in Zukunft mit sehr schnell sichtbaren Verbesserungen der Dienstleistungen bei den Bürger:innen punkten.

In den nächsten fünf Jahren wollen wir elf Projekte umsetzen. Als erstes setzen wir Maßnahmen im Gesundheitswesen um und entwickeln ein Online-Anmeldeportal in unserem Klinikum. In der Folge wollen wir in den nächsten Monaten ein Bürgerportal konzipieren, das ein umfassendes Dokumenten-Management-System (DMS) voraussetzt. Mit dem DMS kann die Verwaltung alle auf elektronischem Wege eingehende Kommunikation digital bearbeiten und einfach dem entsprechenden Vorgang – einer E-Akte – zuordnen. Auch eingescannte Dokumente lassen sich leicht klassifizieren, fachlich zuordnen und Vorgänge einfach automatisieren. Die Lösung erleichtert somit die interne sowie behördenübergreifende Zusammenarbeit erheblich. 

Durch den Gewinn des Smart-City-Wettbewerbs und der Fördergelder haben wir Möglichkeiten, die wir so bislang noch nicht hatten.

 

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