3. März 2020

Kommunen brauchen positives Zukunftsbild

Die Digitalisierung beeinflusst immer stärker unser Leben. Auch die öffentlichen Verwaltungen stehen unter Innovationsdruck. Wie sich Kommunen auf die Veränderungen besser einstellen können, erklärt Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky im Gespräch.

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Summary

„Niemand hat Lust auf Zukunft“ – das stellt Sven Gábor Jánszky immer wieder fest. Die öffentliche Verwaltung mache da keine Ausnahme. Doch sie wird sich verändern müssen, weiß einer, der es wissen muss: Jánszky ist Zukunftsforscher und Leiter des Thinktanks 2B AHEAD in Leipzig. Sein Vorschlag: „Es muss ein positives Zukunftsbild entwickelt werden, das aufzeigt, wie unser Leben in zehn Jahren aussehen wird.“ Erst dann könnten Mitarbeiter:innen wie Bürger:innen für die notwendigen Veränderungen gewonnen werden.

„Es muss ein positives Zukunftsbild entwickelt werden, das aufzeigt, wie unser Leben in zehn Jahren aussehen wird.“

Sven Gábor Jánszky,  Zukunftsforscher

„Der Blick auf die Zukunft muss immer positiv sein. Denn die Erfahrung zeigt: Unterm Strich bedeuten die meisten Technologie-Neuheiten eine Verbesserung der Lebensqualität.“

Sven Gábor Jánszky,  Zukunftsforscher

Er selbst hat ein klares Szenario entwickelt, wie die Gesellschaft im Jahr 2030 leben wird. Ihm ist dabei wichtig, dass er sich seine Prognosen als Zukunftsforscher nicht ausdenkt: „Ich bin kein Visionär, kein Kreativer.“ Stattdessen stellt er Wahrscheinlichkeitsprognosen auf. Dafür befragt sein Institut jährlich 1.500 Experten weltweit. „Wir reden mit den Menschen, die mit ihren Entscheidungen die Zukunft mehr beeinflussen als andere“, betont er. Das kann der Entwicklungschef von Microsoft sein oder der Gründer eines Start-ups in China.

Echtzeitdaten werden entscheidend sein

Einer der wichtigsten Treiber der künftigen Entwicklung wird laut Jánsky der Umgang mit Daten sein. Dabei geht es vor allem um Echtzeitdaten, also Erkenntnisse, die jetzt generiert und auch jetzt erkannt und genutzt werden können. Ein Beispiel: Wer weiß, wie Menschen sich in einer Stadt bewegen, wird nach einer gewissen Zeit mittels Künstlicher Intelligenz (KI) berechnen können, wie sie sich wahrscheinlich morgen bewegen werden – entsprechend könnte der Verkehr gesteuert werden, um Staus zu vermeiden.

Jánszky sagt: „Künftig wird vieles ‚predictive‘ und adaptiv sein, also vorhersagbar und sich anpassend.“ Für Unternehmen, aber auch Verwaltungen ergeben sich dadurch ganz neue Möglichkeiten: Neue Schulen eröffnen dann, wenn eine außergewöhnlich große Schülergeneration eingeschult werden muss, und der Straßenbau passt sich dem künftigen Bedarf exakt an.

Behördenmitarbeiter:innen werden zu persönlichen Begleiter:innen

Der Wegfall des Expertentums ist ein weiterer unvermeidlicher Trend. Dank KI und Quantencomputing werden beispielsweise bis 2030 nahezu alle alltäglichen Verwaltungsvorgänge automatisch ablaufen. Dazu gehören auch Services, die das Onlinezugangsgesetz bereits heute regelt. Jánszky: „Und damit dürfen wir uns nicht lange aufhalten.“ Denn die Verwaltungsmitarbeiter würden dadurch nicht arbeitslos. Im Gegenteil. „Sie müssen sich von Experten zu Coaches, also zum Lotsen der Bürger entwickeln“, erklärt der Zukunftsforscher.

Ein persönlicher Begleiter, der durch den Behördendschungel führt, wäre für viele Bürger:innen eine große Erleichterung. Jánszky sieht das als Teil der staatlichen Daseins-Vorsorge. Und die müsse künftig kostenlos sein. Sie sei zudem eine Chance für Kommunen, sich im Wettbewerb um Bürger:innen – und damit Fachkräfte – von anderen unterscheiden zu können. Jánszky: „Die eine Stadt könnte sich auf die Fahnen schreiben, die besten Schulen zu haben, eine andere, die besten Bedingungen für Start-ups zu bieten.“

Kommunen müssen zusammenarbeiten

Bei allem Wettbewerb erwartet der Experte aber auch, dass Städte und Gemeinden Kooperationspartner finden müssen. Für einzelne Verwaltungen wäre laut des Zukunftsforschers die Technologie allein zu teuer, zudem würde die Datenmenge einer Stadt meist nicht reichen, um mittels KI Erkenntnisse zu gewinnen. „Erst die Zusammenarbeit von Kommunen mit ähnlichen Herausforderungen ermöglicht dies“, sagt Jánszky.

Zudem müsse es eine europäische Cloud-Lösung geben, damit hier die notwendigen Daten und Datenmengen erhoben werden können. Als Beispiel nennt Jánszky entsprechende Anwendungen in China: „Die beiden größten haben einen Datenbestand von jeweils fast 1,4 Milliarden Menschen.“ Wenn Europa künftig nicht auf chinesische Entwicklungen zurückgreifen wolle, müsse es selbst aktiv werden.

Und wie können Verwaltungen trotz der vielerorts vorhandenen Zukunftsängste Bürger:innen und Mitarbeiter:innen auf die Zukunftsreise mitnehmen? Jánszky schlägt außer der Entwicklung eines positiven Zielbilds  vor, bestimmte Meilensteine auf dem Weg zu formulieren. Ganz konkret rät er Verwaltungen, Mitarbeiter:innen jeweils für drei Monate in einen sogenannten Hack-Reactor – einem in den USA entwickelten Trainingsprogramm für Programmierer – zu schicken, damit sie Programmieren lernen und die Anforderungen der neuen Technologien verstehen. Das wichtigste für Jánszky bleibt: „Der Blick auf die Zukunft muss immer positiv sein. Denn die Erfahrung zeigt: Unterm Strich bedeuten die meisten Technologie-Neuheiten eine Verbesserung der Lebensqualität.“

 

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