29. November 2019
Methoden & Kompetenzen

E-Scooter statt Silos: Mobil und digital in die Zukunft

Die Digitalisierung bringt für Kommunen und Verwaltungen unterschiedliche Herausforderungen: Neue Technologien sind häufig teuer, neue Lösungen oftmals komplex. Pierre Golz, bei der Stadt Herne für die Digitalisierung zuständig, weiß, wie das alles gemeistert werden kann: durch interkommunale Zusammenarbeit.

Die Digitalisierung bringt für Kommunen und Verwaltungen unterschiedliche Herausforderungen: Neue Technologien sind häufig teuer, neue Lösungen oftmals komplex. Pierre Golz, bei der Stadt Herne für die Digitalisierung zuständig, weiß, wie das alles gemeistert werden kann: durch interkommunale Zusammenarbeit.

Wie E-Scooter Städte nachhaltig verändern können
Pierre Golz ist ein pragmatischer Mann. Deutlich wird das am aktuellen Beispiel E-Scooter. „Wir haben das Thema auf uns zukommen sehen und haben proaktiv gehandelt“, sagt Golz, der seit Herbst 2018 die Stabsstelle Digitalisierung im Büro des Bürgermeisters der Stadt Herne leitet. „Denn Mikromobilität, wozu E-Scooter gehören, hat das Potenzial, Städte nachhaltig zu verändern.“ So machten sich der gelernte Diplom-Verwaltungswirt und seine Mitstreiter Gedanken: „Was wollen wir, was brauchen wir dafür und wie können wir es dann klug umsetzen?“ So unbedeutend das Beispiel der Einführung der E-Scooter in Herne im großen, weiten Feld der Digitalisierung erscheinen mag – es ist ein guter Praxisfall, der die Vielfalt und die komplexen Herausforderungen des digitalen Umbaus deutlich macht.
Pierre Golz

Noch vor der notwendigen Gesetzgebung war Herne die erste Stadt in Deutschland, die die kleinen Elektro-Flitzer in die Kommune holte. Das war Anfang Juni 2019. Die schnelle und erfolgreiche Einführung der E-Scooter führt Golz auf eine entscheidende Erfolgsformel zurück: „Interdisziplinäres Denken, nutzerzentrierte Anwendungen und interkommunale Kooperationen sind der Schlüssel für E-Government.“ Die grundsätzliche Herangehensweise lasse sich auf andere Digitalisierungsprojekte übertragen, sagt Golz.

E-Mobilität endet nicht an der Stadtgrenze

Ein wichtiger Gedanke war dabei für ihn, dass selbst lang geplante Änderungen schnell Auswirkungen auf andere haben können – oft stehen Nachbarkommunen vor den gleichen Problemen. Beim Beispiel E-Scooter bedeutet das: Die E-Mobilität endet nicht an der Stadtgrenze. Denn auch wenn die Fahrstrecke nur zwei Kilometer beträgt, kann das bedeuten, dass ein E-Scooter zwar in Herne ausgeliehen, aber in Bochum abgestellt wird. Das gelte in umgekehrter Richtung natürlich ebenso.

Beispiele aus anderen Ländern haben zudem gezeigt, dass es zu Behinderungen durch rücksichtslos abgestellte Roller kommen kann. Eine besondere Herausforderung war, dass keine acht Wochen nach dem E-Scooter-Start in Herne eines der größten deutschen Volksfeste mit knapp vier Millionen Besuchern stattfand – die Cranger Kirmes. Was wie erwartet zu einem großen Andrang auf die neuen Fahrzeuge führte.

„Interdisziplinäres Denken, nutzerzentrierte Anwendungen und interkommunale Kooperationen sind der Schlüssel für E-Government.“

Die Kooperation "der Willigen"

Neben Nachbarkommunen wie Bochum, Dortmund oder Castrop-Rauxel wurden auch potenzielle Partner aus Wirtschaft und Forschung früh eingebunden. Dazu gehörten unter anderem die Verkehrsbetriebe der Stadt und das Ruhrvalley Cluster, ein Verein, zu dem auch die Hochschule Bochum, die Fachhochschule Dortmund und die Westfälische Hochschule zählen. Zwar hat Herne keine eigene Hochschule, aber das Projekt mit den drei genannten Forschungseinrichtungen wurde in der Stadt angesiedelt. Erfolgsentscheidend für solche Kooperationen „der Willigen“ sind laut Golz die Konzentration auf wenige Punkte und die Fähigkeit „out of the box“ zu denken. Statt über Zuständigkeiten zu diskutieren, sollten Produkte und Ziele in den Fokus rücken. Und eine Kooperation sollte allen Beteiligten einen Mehrwert bieten.

So sollen die aus dem E-Scooter-Projekt stammenden Daten eine Basis für die Entwicklung weiterer Konzepte zur flexiblen Mobilität bilden. Davon profitieren die Forschungseinrichtungen, da sie am „lebendigen“ Objekt arbeiten können. Die Verkehrsbetriebe können bei den Bürger:innen mit innovativen Angeboten punkten, da sie schneller von A nach B gelangen. Und die Stadt profitiert von einer künftigen Entlastung des Straßenverkehrs – von positiven Auswirkungen auf das Klima ganz zu schweigen.

„Erst durch das Aufbrechen von Silos und interdisziplinärem Denken wird es uns gelingen, die ungeheuren Potenziale der Digitalisierung zu heben.“

Digitalisierung als "Innovationsbeschleuniger"

Am Ende der Kooperation soll eine App stehen, mit deren Hilfe unterschiedliche Angebote wie Bus, Bahn, E-Scooter oder Mietwagen übergreifend genutzt werden können. Golz: „Ziel muss sein, Vorschläge zu machen, wie man am schnellsten oder am günstigsten von einem Ort zum anderen kommt und das aus einer Hand – kundenorientiert.“ Das schafft Anreize, auf das eigene Auto zu verzichten.

Golz sieht in der Digitalisierung vor allem eines: einen Innovationsbeschleuniger. So habe es noch 70 Jahre gedauert, bis fünf Prozent der Weltbevölkerung Zugriff auf ein Telefon hatten, bei Handys dauert es neun Jahre, bei Facebook drei Jahre. Und bei E-Scootern rechnen Experten mit 18 Monaten, bis jeder 20. Weltbürger einen nutzen kann. Wichtiges Element für den digitalen Umbau, überhaupt für Erneuerungen, ist laut Golz ein entsprechendes Mindset bei den Beteiligten zu schaffen. Dabei seien Softskills eher gefragt als reines Expertenwissen.

Pierre Golz leitete einen Workshop zu diesem Thema auf dem Kongress "Innovatives Management".

 

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